Hände halten Musikinstrumente in die Höhe
Warum es wichtig ist, richtig zu üben
Deliberate Practice als theoretische Grundlage für OSME (05.12.2018)
Förderjahr 2018 / Project Call #13 / ProjektID: 3157 / Projekt: OSME - Open Sheet Music Education

Millionen Musikschüler weltweit üben täglich an einem Musikinstrument. Es ist allgemein bekannt, dass Üben zur Verbesserung des Spiels notwendig ist. Aber führt mehr Übezeit immer proportional zu mehr Lernfortschritt?

Millionen Musikschüler weltweit üben täglich an einem Musikinstrument. Es ist allgemein bekannt, dass Üben zur Verbesserung des Spiels notwendig ist, und dass häufiges Üben eher zu Fortschritt führt als seltenes. So ist oft die erste Frage an jemanden, der angibt ein Instrument zu spielen, wie viele Stunden am Tag er oder sie übt.

Aber führt mehr Übezeit immer proportional zu mehr Lernfortschritt? Oder ist es vielleicht sogar kritisch, richtig und bewusst zu üben? Genau das behauptet K. Anders Ericsson, ein schwedischer Psychologe, der Expertenfähigkeiten erforscht. Seine Theorie des Deliberate Practice (Bewusstes Üben) wird seit seinem einflussreichen Paper “The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance” von 1993 viel zitiert, in seinem Buch “Peak” und in populärwissenschaftlichen Büchern wie Outliers von Malcolm Gladwell an die breite Öffentlichkeit vermittelt.

Unser Projekt OSME ist ein Generator für Musikübungen und Noten im Browser, und damit ein Versuch, den Übungsprozess und die Fähigkeiten von Musikern zu verbessern. Deswegen ist es wichtig, eine solide wissenschaftliche Basis dafür zu haben, was effizientes (musikalisches) Üben ausmacht und wie musikalische Fähigkeit entsteht.

Die erste hier vorgestellte Hypothese, dass jegliche Form und Dauer von Übung zu maximalen Fähigkeiten führt, können wir gleich einmal widerlegen. Denn oft erreichen Menschen in verschiedensten Bereichen, die Übung erfordern, Lernplateaus. Nach anfänglichem Fortschritt wird eine Periode erreicht, in der trotz kontinuierlicher Praxis und Übung wenig bis kein Anstieg der Fähigkeiten erfolgt. Aber durch verbesserte Übungsmethoden, Überdenken von Techniken und Motivation wie Aussicht auf Beförderung können selbst Experten mit zehn Jahren Berufserfahrung ihre Leistung noch zwischen 50 und 100 Prozent steigern (Schreibmaschine, Book & Norvell, 1920).

Immer noch vertreten viele die Ansicht, dass herausragende Fähigkeiten nicht durch Üben zu erreichen sind, sondern ein Genie erfordern, das durch Gene oder sogar höhere Mächte vorbestimmt und unveränderlich ist. Diese Personen würden extrem schnell ein Expertenniveau erreichen. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegen das allerdings immer mehr und zeigen immer geringeren Einfluss von Genen oder “natürlichem Talent”. Simon and Chase zeigten 1973, dass kein Schachspieler den Rang von internationalem Meister ohne ca. ein Jahrzehnt an intensiver Übung erreichte. Mozart schrieb erst signifikante Kompositionen nach ca. einem Jahrzehnt gezielten Unterrichts beginnend im Alter von sechs Jahren, bei seinem Vater, selbst ein erfahrener Komponist. So hat sich um Ericssons Theorie ein Mythos gebildet, eine Vereinfachung, nach der zehn Tausend Stunden bzw. zehn Jahre Übung aus jedem einen Meister machen. Aber natürlich ist es komplizierter, und nicht jede Stunde Übung ist eine Stunde bewusster Übung im Sinne Ericssons, weswegen wie bereits geschildert oft Lernplateaus erreicht werden.

Was macht also bewusste und effektive Übung aus? Sie setzt Motivation des Lernenden voraus, sich zu verbessern. Sie sollte an das bisherige Niveau des Lernenden anknüpfen, was ein Musiklehrer mit OSME und dem Einstellen diverser Parameter gezielt optimieren kann, als Vorteil gegenüber unveränderlichen (und kopiergeschützten) Übungen aus Verlagseditionen. Gleiche oder ähnliche Übungen sollten oft wiederholt werden, was wir durch die Vorgabe einer Anzahl von Wiederholungen und das Generieren ähnlicher Noten ermöglichen wollen. Und es sollte sofortiges oder sehr schnelles Feedback geben, um Fehler zu korrigieren und Erfolg zu bestätigen. Dies machen traditionell Musiklehrer, aber das häufige System von einer Unterrichtsstunde pro Woche entspricht nicht dem Konzept schnellen Feedbacks. Deswegen sollte OSME die Ausführung der Übungen bewerten können (z.B. per Mikrofon und Audioanalyse), oder zumindest eine Selbstbewertung des Lernenden nach Vorgaben der Übung unterstützen.

OSME als Projekt muss sich kontinuierlich bemühen, die Qualität der Übungen und des Übungsprozesses zu erhöhen. Ericssons Theorie ist dafür eine der nützlichsten und solidesten wissenschaftlichen Grundlagen.

Tags:

Deliberate Practice Theorie Üben

Thomas Buchstätter

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